Feeds:
Beiträge
Kommentare
Advertisements

Seit etwas mehr als sechs Jahren wird das Innviertel von einer Gruppe von Botanikern im Rahmen eines ehrenamtlichen Projektes floristisch intensiv untersucht. Es handelt sich dabei um die umfangreichen Vorarbeiten zur „Flora des Innviertels“, einem Buch über die Innviertler Pflanzenwelt, wie sie einst war und wie sie sich heute zeigt. Der Projektabschluss ist für das Jahr 2010 geplant.

Auch wenn wir bereits auf ein solides Datenfundament von erfahrenen Kollegen (vor allem Franz Grims (Taufkirchen/Pram), Robert Krisai (Braunau am Inn) und Oliver Stöhr (Hallein) aufbauen konnten, zeigten sich doch gebietsweise Lücken, die es zu beseitigen galt. Im Zuge der zahlreichen Exkursionen gelangen immer wieder überraschende Funde.

Grundsätzlich präsentiert sich das Innviertel heute meist als ein stark land- und forstwirtschaftlich geprägtes Gebiet, in dem viele der früheren Pflanzenvorkommen inzwischen verschwunden sind, wie der Vergleich mit historischer Literatur zeigt. Auch wenn im Zuge der intensiven Kartierungsarbeiten für die „Flora des Innviertels“ auch eine Reihe schöner Funde heimischer Arten gelungen sind, handelt es sich dabei oft nur mehr um sehr kleine Reliktflächen innerhalb dieses intensiv bewirtschafteten Gebietes. Auf diesen Flächen haben oft nur mehr einige wenige Exemplare der gefährdeten Arten überdauert.

Heimische Besonderheiten

Zu den Highlights an Funden heimischer (indigener) Pflanzen im Innviertel zählt der österreichische Erstnachweis des Pinselblatt-Wasserhahnenfußes (Rancunculus penicillatus). Erfreulich sind auch die Beobachtungen einiger in Oberösterreich hochgradig gefährdeter bzw. vom Aussterben bedrohter Arten. Dazu gehören etwa der Lanzett-Froschlöffel (Alisma lanceolatum), die Strauch-Birke (Betula humilis), die Strick-Segge (Carex chordorrhiza), die Falsche Fuchs-Segge (Carex otrubae), das Wasser-Quellgras (Catabrosa aquatica), das Eifrucht-Hungerblümchen (Draba praecox), das Zwerg-Filzkraut (Filago minima), die Buckel-Wasserlinse (Lemna gibba), das Groß-Leinblatt (Thesium bavarum), das Wimper-Mastkraut (Sagina apetala), das Lauch-Täschelkraut (Thlaspi alliaceum) und die Gewöhnliche Spitzklette (Xanthium strumarium).

Zu den interessantesten Wieder- bzw. Neunachweisen von heimischen Arten dieses Gebietes zählen etwa der Kahl-Wiesenhafer (Avenula pratensis), der Haken-Wasserstern (Callitriche hamulata), die Dünnähren-Segge (Carex strigosa), das Kahl-Kreuzlabkraut (Cruciata glabra), der Insubrische Dichtschuppen-Wurmfarn (Dryoperis affinis subsp. cambrensis), der Bleich-Schwingel (Festuca pallens), der Froschbiss (Hydrocharis morsus-ranae), die Winzig-Simse (Juncus minutulus), das Mittel-Wintergrün (Pyrola media), der Eifrüchtige Äste-Igelkolben (Sparganium erectum subsp. oocarpum), der Schlitzblatt-Hahnenfuß (Ranunculus polyanthemophyllus), die Wurzelnde Waldbinse (Scirpus radicans), der Silber-Rohrkolben (Typha shuttleworthii), Weiß-Veilchen (Viola alba) und einige mehr. Erstaunlich sind die Funde des Steirischen Rispengrases (Poa stiriaca) und des Gämsen-Leimkrauts (Silene vulgaris subsp. antelopum) an den Hängen der unteren Salzach, also weitab des „klassischen“ Verbreitungsgebietes.

Dass heute auch bei den indigenen Pflanzen noch Erstfunde für unser Bundesland gelingen können, zeigen u.a. Beobachtungen des Großfrucht-Weißdorns (Crataegus x macrocarpa), des Krummkelch-Weißdorns (C. rhipidophylla), einer seltenen Wurmfarn-Hybride (Dryopteris carthusiana x cristata), der Rhône-Ständelwurz (Epipactis rhodanensis), der Frosch-Simse (Juncus ranarius), der Rot-Wasserlinse (Lemna turionifera), des Gewöhnlichen Zwerg-Laichkrauts (Potamogeton pusillus s.str.), des Weidenblatt-Laichkrauts (Potamogeton x salicifolius) und des Kahlen Jaquin-Greiskrauts (Senecio germanicus subsp. glabratus). Eine Aufzählung der verschiedenen Habichtskraut- und Brombeerarten (Hieracium sp. und Rubus sp.), die neu für das Innviertel nachgewiesen wurden, würde den Rahmen dieses Berichtes sogar sprengen.

Besondere Naturräume des Innviertels

Die aus botanischer Sicht interessantesten Naturräume im Innviertel lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • das Donautal mit den Nebentälern und die Innenge kurz vor dessen Mündung.
  • das Inntal mit den Anlandungen der Stauseen, den Auen und Leitenwäldern, den Dämmen und Terrassenböschungen, außerdem die untere Antiesen mit ihren Schlierwänden.
  • die untere Salzach mit den Auen, Tobeln, Steilhängen mit Konglomeratanrissen und der Ettenau.
  • die Moränenlandschaft des Braunauer Bezirkes mit dem Seengebiet des oberen Innviertels und der Moorlandschaft im Bereich des Ibmermooses.
  • der Kobernaußer- und der Hausruck-Wald in ihrer Funktion als Brücke zwischen der Böhmischen Masse und dem Alpenraum.

Vor allem die untere Salzach weist noch einen größeren Anteil von Alpenpflanzen auf, die hier ihren Ausklang im Flachland finden. Als Beispiele seien hier folgende Arten aufgezählt: der Stroh-Frauenmantel (Alchemilla straminea), der Wechselhaar-Frauenmantel (Alchemilla versipila), die Schwarzviolett-Akelei (Aquilegia atrata), die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), das Alpenmaßlieb (Bellis bellidiastrum), die Filz-Steinmispel (Cotoneaster tomentosus), Zyklame (Cyclamen purpurascens), Amethyst-Schwingel (Festuca amethystina), der Klein-Strahlensame (Heliosperma pusillum), das Kugelschötchen (Kernera saxatilis), der Grau-Leuenzahn (Leontodon incanus), das Alpen-Leinkraut (Linaria alpina), der Lanzen-Schildfarn (Polystichum lonchitis), die Steinbeere (Rubus saxatilis), die Echt-Mehlbeere (Sorbus aria), das Grasnelkenhabichtskraut (Tolpis staticifolia).

Das kleinräumige, isolierte Auftreten des Mittleren Lerchensporns (Corydalis intermedia) in Eichen-Hainbuchen-Waldresten und Eschen-Hängwäldern am unteren Inn war ein weiteres überraschendes Ergebnis der Untersuchungen. Weißblühende Populationen des Mittleren Lerchensporns und die zahlreichen Vorkommen von blaugrauen xerophilen Quecken (Elytrigia sp.) an den Flüssen Salzach, Inn und Donau sind aktuell Anlass von genaueren Untersuchungen. Bei den Süßgräsern gab es überhaupt eine ganze Reihe von überraschenden Funden, vor allem aus den schwierigen Gattungen der Schwingel (Festuca sp.) und der Rispengräser (Poa sp.).

Die großen Wälder, wie der Hausruck- und Kobernaußerwald, der Sauwald und der Weilhart- und Lachforst sind zumeist von Fichtenmonokulturen betroffen, weisen jedoch auch immer wieder Bereiche mit sehr interessanten Pflanzenvorkommen auf. So konnte das Heide-Johanniskraut (Hypericum pulchrum) im Raum Mattighofen einige Male festgestellt werden, wo es österreichweit einzigartige Populationen bildet. Verblüffend war in den Wäldern des Innviertels auch die Stetigkeit des Flachfrucht-Wassersterns (Callitriche platycarpa), einer weiteren subatlantisch verbreiteten Art, deren Existenz hierzulande lange bezweifelt wurde. Die überaus starke Präsenz des Salbei-Gamanders (Teucrium scorodonium) an den Waldsäumen des Kobernaußer-, Hausruck- und Sauwald verdeutlicht die klimatische Positionierung dieses Gebietes.

Neubürger

Gerade auf dem Gebiet der fremden Pflanzenarten (Neophyten) gelang eine Reihe von Neufunden für unser Bundesland. Die Wollige Wiesen-Schafgarbe (Achillea lanulosa), der Wimper-Lauch (Allium subhirsutum), das Tellerkraut (Claytonia perfoliata), der Duft-Klebalant (Dittrichia graveolens), das Elbe-Liebesgras (Eragrostis albensis), die Ufer-Rispenhirse (Panicum riparium) und der Kleine Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. minor) stellten sogar Erstfunde für Österreich dar. Dasselbe gilt für eine westmediterrane Unterart der Trauben-Trespe (Bromus racemosus subsp. lusitanicus), die in einer Feuchtwiese des Innviertels nachgewiesen wurde. Neu für Österreich ist auch Bromus incisus, eine Trespe, die erst kürzlich in Deutschland neu für die Wissenschaft beschrieben wurde. Mit dem Fund der Duft-Nachtkerze (Oenothera suaveolens) am Ufer der Salzach gelang ein Wiederfund einer in Österreich verschollen geglaubten Art.

Neophyten treten vor allem auf Bahnanlagen, an Straßen und Autobahnen, auf Deponien, auf Friedhöfen, in Schottergruben und auf den Feldern auf, alles Orte an denen man auch als Botaniker oft nur ungern länger verweilt. Kritisch zu sehen sind die verschiedenen fremden Gehölze, die an Straßen- und Uferböschungen gepflanzt werden oder die ausländischen Gräsersippen, die als Bestandteil von Begrünungssaatgut dort landen. Besonders begünstigt durch die hiesige Intensiv-Landwirtschaft (Maisanbau!) zeigten sich hier vor allem einige Hirsearten, wie etwa die Glatt-Rispenhirse (Panicum laevifolium) oder die Faber-Borstenhirse (Setaria faberi), die sich im Innviertel in den vergangenen Jahren enorm ausbreiten konnten.

Zukunftsaussichten

Im Alpenvorland kommt es zu einem Aufeinandertreffen verschiedener Klimazonen. Bedingt durch die Erderwärmung sind sukzessive Verschiebungen der jeweiligen Grenzen zu erwarten. Dies zeichnet sich bereits jetzt durch Veränderungen der hiesigen Pflanzenwelt z.B. in Form von Wanderbewegungen ab, wird sich aber in Zukunft noch viel stärker widerspiegeln. Gerade deswegen ist es nun umso wichtiger, den aktuellen Bestand unserer heutigen Flora „festzuhalten“, um spätere Vergleiche zu ermöglichen.

Das Zerstören von wertvollen Biotopen ist leider auch im Innviertel nach wie vor voll im Gang. Ein Vergleich der Pflanzenwelt des Sauwaldes durch F. Grims (Taufkirchen a. d. Pr.) zeigt den Niedergang der Feuchtwiesen und Moore sowie das Verschwinden der mageren Wiesenböschungen dieses Gebietes innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten.

Auch wenn der Datenbestand für die Flora des Innviertels (im Durchschnitt bereits fast 700 Sippen pro Quadranten) bereits sehr zufrieden stellend ist, wartet doch noch viel Arbeit auf das Arbeitsteam. (Erklärung: Sippen = Arten, Unterarten, Varietäten Hybriden; jeder Quadrant hat eine Größe von 5 Längsminuten und drei Breitenminuten, das entspricht einer Fläche von ca. 35 km2). Es ist geplant, noch ca. zwei Jahre im Gelände intensiv allfällige Kartierungslücken zu beseitigen, alte Angaben zu überprüfen, noch unbekannte Flächen zu bearbeiten, usw. Anschließend wird eine Phase der Literaturnachforschungen und gezielten Herbarauswertungen folgen, bevor das Verfassen der eigentlichen Flora ins Auge gefasst werden kann. Die Vision einer schönen und gehaltvollen „Flora des Innviertels“ motiviert mich auch noch nach sechs Jahren intensiver Arbeit. Dass auch die unmittelbare Heimat immer wieder mit überraschenden Pflanzenfunden aufwartet, zeigt, wie wenig man sich oft damit auseinandersetzt.

Die Ergebnisse der verschiedenen Kartierungsexkursionen wurden auch laufend der Naturschutzabteilung des Landes Oberösterreich zur Verfügung gestellt, damit der Schutz wertvoller Biotopflächen schnellstmöglich in Angriff genommen werden kann. Weitere Empfänger dieser Daten sind das Biologiezentrum Linz/Dornach (Oberösterreichische Landesmuseen) und die Floristische Kartierung Österreich (Botanisches Institut der Universität Wien). Publikationen in verschiedenen Fachschriften zeugen von der Intensität der Nachforschungen und den Erfolgen des Arbeitsteams.

Bei dieser Gelegenheit danke ich allen Mithelfern dieses Projektes, zu denen auch jene Experten zählen, ohne deren Hilfe wir bei den schwierigen Gattungen der Pflanzenwelt oft hilflos wären. Ich bitte abschließend alle Beteiligten um das nötige Durchhaltevermögen, um den bisherigen Schwung auch noch in die Schlussphase mitzunehmen und das erfolgreiche Erscheinen unserer „Innviertelflora“ zu ermöglichen.

Michael Hohla
Therese-Riggle-Str. 16
4982 Obernberg am Inn
m.hohla@eduhi.at